Muttertag! Also wenn das kein Grund ist, endlich selbst ein Gedicht zu schreiben

Muttertag! Also wenn das kein Grund ist, endlich selbst ein Gedicht zu schreiben
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Dichten mochte ich nie. Das erschien mir einerseits viel zu anspruchsvoll. Ich kann doch kein Gedicht schreiben!!! Außerdem war das Dichten in meiner Vorstellung immer eng mit Reimen verbunden. Und das kann ich schon gar nicht! Erst bei meiner Ausbildung zur Trainerin für biografisches Schreiben lernte ich Gedichtformen kennen, die ich mochte. Und die plötzlich ganz leicht von der Hand gingen. Habt ihr auch Lust zu dichten? Ich zeige euch heute ein paar spielerische Varianten. Vielleicht für ein Muttertags-Gedicht, mit dem ihr am Sonntag eure Mama überrascht.

Wir wären nicht gewaschen
und meistens nicht gekämmt,
die Strümpfe hätten Löcher
und schmutzig wär das Hemd.
Wir äßen Fisch mit Honig
und Blumenkohl mit Zimt,
wenn du nicht täglich sorgtest,
das alles klappt und stimmt.
Wir könnten auch nicht schlafen,
wenn du nicht noch einmal kämst,
und uns, bevor wir träumen,
in deine Arme nähmst.
Und trotzdem sind wir alle auch manchmal eine Last.
Was würdest du ohne Kinder tun?
Sei froh, dass du uns hast.

So klingt das Muttertags-Gedicht meiner Kindheit. Natürlich gereimt. Und natürlich nicht von mir selbst verfasst. Wie wär’s aber heuer mit einem eigenen? „Du darfst“, schreibt Barbara Pachl-Eberhart in ihrem Schreibwerkstatt-Buch „Federleicht“, und meint, dass damit schon alles übers Dichten gesagt wäre. Der Druck, den wir uns beim Dichten auferlegen, hat für sie zwei Gründe: Wir erstarren erstens aus Respekt vor den großen Meistern. Und wir wissen zweitens, dass Gedichte nerven können, wenn sie zur falschen Zeit am falschen Ort zur Zwangsbeglückung werden. Davon dürfen wir uns befreien – und welche Ansprechperson für unser Gedicht begegnet uns mit mehr Wohlwollen als die eigene Mama?!

So entsteht euer eigenes Muttertags-Gedicht

Zuerst würde ich mir eine Gedanken-Sammlung anlegen. Das kann eine Art Cluster sein – eine Methode zur Vorarbeit von Texten, ein Brainstorming. Es geht darum, die Ideen unzensiert zu lassen. Der Vorteil ist die bildliche Darstellung, die Strukturen und Gedankengänge sichtbar macht.

Und so geht’s: Das Kernwort oder eine Fragestellung steht in der Mitte des Blattes. Es löst die Assoziationsketten aus, die rund um das Kernwort angeordnet werden. Die Wörter werden eingekreist und mit Strichen verbunden.

Das Thema heute könnte sein: Meine Mama. Wir assoziieren also wild drauflos und schreiben alles auf, was uns über die Mama einfällt. Ihre Eigenschaften? Kindheitserinnerungen? Ihre besonderen Fähigkeiten? Schöne Erlebnisse mit ihr? Ihr Äußeres? Was wir ihr schenken möchten?

Dann kann’s schon losgehen mit dem Dichten. Das Schöne daran: Wir verdichten dabei unsere Gedanken, gelangen zum Kern und können ganz persönlich werden, ohne dass wir unser Innerstes auf dem Silbertablett präsentieren müssen. Und noch eine Idee: Mit den kurzen Gedichten lassen sich schöne Karten gestalten – und sind damit viel persönlicher als die Sprüche, die ohnehin schon jede Mama kennt.

Keine Angst, die Form macht die Musik. Ihr müsst euch nur trauen.

Schreibwerkstatt süß-sauer

Zuerst probieren wir ein ELFCHEN. Elf Wörter, mehr nicht. In der ersten Zeile ein Wort, dann zwei, dann drei, dann vier, dann noch einmal eines. Ganz einfach. Ihr braucht nicht zu reimen. Einfach die passenden Wörter aneinanderreihen, einzeln oder in Gruppen.

Titel (mama)

Zwei Wörter (immer da)

Dann drei Wörter (ohne zu fragen)

Als nächstes vier Wörter (mit herz und hirn)

Fazit/Aufruf (danke)

Oder ein HAIKU, ein noch kürzeres Kurzgedicht, das aus Japan stammt. Hier geht es um die Anzahl der Silben. Die erste und dritte Zeile besteht aus fünf Silben, die zweite Zeile hat sieben Silben.

Immer für mich da

Meine Mama mag ich eben

Heute ist dein Tag

Sehr schön ist auch das RONDELL, fast wie Musik in den Ohren. Diese Gedichtform zeichnet sich durch ihre Wiederholungen aus und bekommt so einen fast beschwörenden Ton. Einzelne Zeilen werden wortwörtlich wiederholt, am Ende schließt sich der Kreis.

1          A Thema das Gedichts
2          B Nähere Erläuterung zum Thema
3          C weitere Eigenschaft

4          A Wiederholung erste Zeile/Thema
5          D noch eine Erläuterung
6          E weiterer Zusatz


7          A Wiederholung der ersten Zeile
8          B Wiederholung der zweiten Zeile

Doch was wäre passender zum Muttertag als eine ODE. Dabei könnt ihr euch so richtig austoben. Eine Ode ist eine lyrische Gattung, die Erhabenes, Feierliches, Bedeutungsvolles ausdrückt. Ursprünglich hatte sie strenge Strophenmaße, heute ist sie freier. Dabei richten sie sich oft an ein gegenüberstehendes „Du“. Der Sprachstil ist pathetisch und feierlich. Für Euer Muttertags-Gedicht könnt ihr die Ode aber auch mit einem Augenzwinkern versehen – wie hoch die Humor-Dosis sein kann, wisst ihr selbst am besten.

Oh du meine Mama,
die beste auf der Welt!
Du hast mir das Leben geschenkt.
Keine kennt mich so lang wie du.
Ein Ton, ein Blick – und du bist da! Trallala …

Und so weiter … Lasst euren Worten freien Lauf …

Endlich Zeit fürs Schreiben?
Mit Leichtigkeit übers Papier flitzen?
Übers Leben schreiben?
Ein Meer an Ideen und Impulsen?

Viel Spaß beim Schreiben, Dichten, Vortragen. Und allen Mamas wünsch ich einen schönen Muttertag.

Ich bin aber auch sehr neugierig. Was fasziniert euch am Schreiben? Habt ihr das biografische Schreiben schon ausprobiert? Was sind die süß-sauren Momente in eurem Leben? Und wer weiß ein gutes Rezept für Ribiselkuchen? 😉

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. So super!!! Meine Mädels hatten mich gefragt, was ich mir zum Muttertag wünsche – und meine Antwort war ein Gedicht! Aber jetzt habe ich Lust bekommen, selbst eines zu schreiben! Danke für die Inspiration

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