Auf Schatzsuche in der Vergangenheit

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Wie sich Erinnerungen im Laufe der Zeit verändern und wie man sie aufspürt

Bei der SelbA-Fachtagung ging es heuer um Biografiearbeit und Erinnerungen – da musste ich also unbedingt dabei sein. SelbA bedeutet übrigens „Selbständig und Aktiv“ und ist ein wissenschaftlich fundiertes Trainingsprogramm für Menschen ab etwa 55 Jahren. Biografiearbeit spielt in diesem Lebensabschnitt eine wichtige Rolle und Erinnerungen sind Teil der Biografiearbeit, die man als Schatzsuche begreifen kann. „Wir holen etwas aus der Vergangenheit, um die Gegenwart bewältigen und die Zukunft gestalten zu können“, sagt Hubert Klingenberger. Er ist DER Experte für Biografiearbeit und Buchautor (Biografiearbeit als Schatzsuche). Bei der Tagung habe ich ihn kennengelernt. Die Fragen für mein Interview (ist auch im SelbA aktuell erschienen) hat er gemeinsam mit SelbA-Trainerin Astrid Gaisberger beantwortet. Sie ist Trainerin für Biografiearbeit und Schriftstellerin. Hier sind die Antworten auf meine Fragen rund um Erinnerungen und Nostalgie:

Astrid Gaisberger

Interview mit zwei Biografie-Expert:innen

Wo werden unsere Erinnerungen abgespeichert?

Es gibt nicht einen Ort, Erinnerungen werden in verschiedenen Regionen im Gehirn abgespeichert. Das autobiografische Gedächtnis ist Teil des episodischen Gedächtnisses. Dazu kommt noch das Quellengedächtnis, in dem abgelegt wird, woher die Erinnerung stammt. Doch eigentlich wird gar nichts gespeichert. Das Gehirn ist kein Computer. Die Erinnerungen werden aus den vielen Teilen des Gedächtnisses immer neu rekonstruiert. Sie ändern sich mit jedem Mal, wenn wir sie erzählen. Man erinnert sich immer an die Letztversion.

Ab welchem Alter kann man sich in der Regel an Ereignisse erinnern?

Das autobiografische Gedächtnis beginnt sich mit etwa drei Jahren zu entwickeln. Laut Forschung ist das Gehirn mit sechs Jahren so weit ausgeformt, dass es Erinnerungen sortieren kann. Davor gibt es keinen semantischen Zugang, also keine konkrete Erzählung. Es werden Emotionen gespeichert. Die Menschen erinnern sich an das Gefühl und konstruieren dann unbewusst eine Episode, die dazu gehört.

Welche Erinnerungen bleiben am ehesten hängen?

Alles, was neu ist, was wir zum ersten Mal erleben, bleibt besonders gut im Gedächtnis haften: der erste Schultag, der erste Kuss, die erste Liebe … Neugier ist dabei ein wichtiger Faktor und die Gefühle spielen eine große Rolle. Viele Erinnerungen sind auch eng mit dem Geruchs- und Geschmackssinn verbunden, sie kommen oft unbewusst wieder zu Tage.

In welcher Lebensphase haben wir die meisten Erinnerungen?

Zwischen sechs und 25 Jahren macht man viele Dinge das erste Mal, in dieser Zeit gibt es besonders viele Erinnerungen. Das ist auch die Zeit der Identitätsbildung, die Ereignisse sind oft mit starken Emotionen verbunden. Erinnern ist aber auch Übungssache. Beginnt man, die Erinnerungen wachzurufen, können es immer mehr werden.

Verändern sich unsere Erinnerungen im Laufe der Zeit?

Es gibt Studien, die behaupten: Je älter wir werden, umso milder schauen wir in die Vergangenheit. Laut dem Psychologen Heiko Ernst ist Erinnern wie Autofahren, mit jeder Kurve hat man einen anderen Blick im Rückspiegel, das bedeutet übertragen: Mit jeder Erfahrung ändert sich der Rückblick. Sich zu erinnern ist ein dynamisches Geschehen.

Nostalgie und wie man die Schätze sicher verwahrt

Was bedeutet Nostalgie?

Früher war alles besser, sagen Nostalgiker. Nostalgie ist die wehmütige Hinwendung zur Vergangenheit. Es ist eine Form von Erinnerungsarbeit, die man ambivalent betrachten kann. Nostalgie kann zur Flucht in die guten alten Zeiten werden, sie kann aber auch eine Kraftquelle sein. Man darf nur nicht darin hängen bleiben.

Wie kann man vergrabenen Erinnerungen auf die Sprünge helfen?

Es gibt viele verschiedene Methoden, um Erinnerungen auszugraben. Sich gemeinsam zu erinnern, kann sehr wertvoll sein. Auch Gerüche und Geschmäcker helfen beim Erinnern. Für die Biografiearbeit werden zum Beispiel Erinnerungsstücke aus der jeweiligen Lebensphase verwendet, das können Haushaltsgegenstände, Fotos, Filmplakate aber auch Fernsehserien oder ein „biografisches Buffet“ sein. Eine Erinnerung entsteht aus diesen Hinweisreizen und dem Gedächtnisinhalt – es ist eine Kombination.

Wie geht man mit unangenehmen Erinnerungen um?

Auch wenn es nicht gewollt ist, können bei der Biografiearbeit unangenehme Erinnerungen auftauchen. Deshalb ist eine klare Trennung zur Therapie wichtig. Der erste Schritt ist, dem Schmerz Raum zu geben. Dann sollte man eine ressourcenorientierte Wende einleiten. Die Frage lautet: Was hat dir geholfen, mit dieser Herausforderung umzugehen?

Soll man seine Lebenserinnerungen aufschreiben, um sie weitergeben zu können?

Am Ende der Erinnerungsarbeit sollte auf jeden Fall eine Ergebnissicherung stehen. Wenn man also „Schätze“ findet, sollte man diese bergen und aufbewahren. Das kann in Erzählcafés passieren, man kann Texte oder Stichworte aufschreiben und seine Geschichten vorlesen. Der Psychoanalytiker Erik Erikson beschreibt die Phase der Generativität, in der man Sinn daraus zieht, etwas für die Nachkommen zu hinterlassen und seine Erfahrungen weiterzugeben.

Schreibidee süß-sauer

Erinnerungsarbeit zum Ausprobieren:

Blättere dein Fotoalbum durch und schau dir die Fotos an, die positive Gefühle auslösen. Dann schreib dieses Gefühl auf ein Post-it und klebe es vielleicht sogar zum Foto ins Album.  

Kindheitserinnerungen von Hubert und Astrid

„Wenn ich an meine Kindheit denke, fällt mir immer die Geschichte ein, als meine Schwester und ich mit Papa und Mama auf die Pirsch gingen. Es war so schön, weil wir als Familie unterwegs waren. Als wir mit den mitgebrachten Keks raschelten, brachte das meinen Vater fast zur Weißglut. Mit der Zeit hat sich die Geschichte ein bisschen verändert und aus den Keks wurden Chips.“ (Astrid Gaisberger, SelbA-Mitarbeiterin, Trainerin für Biografiearbeit und Schriftstellerin)

„Die Modelleisenbahn stand das ganze Jahr auf dem Schlafzimmerschrank. Am Heiligen Abend wurde sie aber entstaubt und ich durfte bis 6. Jänner damit spielen. Die Dampflok blies echten Dampf aus, die Häuschen waren beleuchtet – das waren die Sternstunden meiner Kindheit. Vielleicht auch, weil es die wenigen Tage im Jahr waren, in denen mein Vater mit mir gespielt hat.“ (Hubert Klingenberger, Experte für Biografiearbeit, Dozent, Coach, Autor)

Mehr über mich, meine Leben und meinen Werdegang findet ihr hier!

Ich bin aber auch sehr neugierig. Was fasziniert euch am Schreiben? Habt ihr das biografische Schreiben schon ausprobiert? Was sind die süß-sauren Momente in eurem Leben? Und wer weiß ein gutes Rezept für Ribiselkuchen? 😉

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