Die externe Festplatte des Herzens: Warum wir die Geschichten unserer Liebsten bewahren müssen

Du betrachtest gerade Die externe Festplatte des Herzens: Warum wir die Geschichten unserer Liebsten bewahren müssen
  • Lesedauer:5 min Lesezeit

Interview mit Johanna Constantini

Es gibt Begegnungen, die einen tiefen Nachhall hinterlassen, weil sie ein Thema berühren, das uns alle angehen kann: das langsame Schwinden der Erinnerung.

In Innsbruck durfte ich Johanna Constantini treffen – Psychologin, Autorin und Tochter der Fußballlegende Didi Constantini. In ihrer Praxis sprachen wir über eine Reise, die sie nicht freiwillig angetreten ist, die sie aber zu einer wichtigen Stimme für pflegende Angehörige gemacht hat.

Wenn das Leben ins "Abseits" gerät

Johannas Weg mit dem Thema Demenz begann in der eigenen Familie. Als ihr Vater erkrankte, wurde das Schreiben für sie zu einem Rettungsanker, um das Erlebte zu verarbeiten und zu reflektieren. Aus diesen persönlichen Notizen entstanden ihre ersten Bücher „Abseits“ und „Abseits 2“ (erschienen im Seifert-Verlag), in denen sie die Lebensgeschichte ihres Vaters festhielt.

Da sie erst mit dem Schreiben begann, als die Krankheit bereits fortgeschritten war, glich die Arbeit einem großen Puzzle: Sie rekonstruierte sein Leben mithilfe von Archivbeiträgen, Zeitungsberichten und den alten Fotokisten der Großmutter. Doch für Johanna geht es um weit mehr als um das bloße Archivieren von Fakten. „Es ist wichtig, dass wir die Menschen mehr kennen, als wir ihre Krankheit kennen“, betont sie und beruft sich dabei auf ein Prinzip des Hippokrates. Biografiearbeit ist in ihren Augen kein Blick zurück in Wehmut, sondern eine entscheidende Brücke im Hier und Jetzt.

Wir sind die "externe Festplatte" unserer Liebsten

Ein Begriff aus unserem Gespräch bleibt besonders hängen: Die externe Festplatte. Wenn ein Mensch mit Demenz den roten Faden verliert oder Schlagworte nicht mehr selbst abrufen kann, sind es die Angehörigen, die diese Informationen für ihn „gespeichert“ haben.

Johanna beschreibt eindrucksvoll, wie schon eine kleine Anekdote über Fußball oder ein anderes Hobby das Eis brechen kann. Indem wir die Identität der Betroffenen durch solche biografischen Anker stützen, sehen wir wieder den Menschen hinter der Diagnose. Das hilft den Erkrankten, sich wieder zu spüren, und macht das gemeinsame Leben in einer oft belastenden Situation leichter.

Mutmacher für Angehörige

In ihrem aktuellen Buch „Angehörige leben länger – ein Mutmacherbuch“ widmet sie sich bewusst jenen, die oft im Schatten der Pflege stehen. Die Begleitung eines demenzkranken Menschen bedeutet oft eine enorme Aufopferung eigener Lebensinhalte. Johanna möchte hier Perspektiven aufzeigen und dazu ermutigen, den Austausch zu suchen und die Langsamkeit der Krankheit anzunehmen.

Tipps für wertvolle biografische Gespräche

  • Atmosphäre statt Abfragen: Biografiearbeit sollte keine Prüfungssituation sein. Eine entspannte Atmosphäre, vielleicht in Bewegung oder in der Natur, nimmt den Druck.
  • Menschlichkeit vor Theorie: Man muss kein Therapeut sein, um wertvolle Zeit zu schenken. Oft reicht es, die Theorie im Hintergrund zu haben, im Moment des Miteinanders aber einfach nur „menschlich“ zu sein und das anzunehmen, was gerade passiert.
  • Den Kern bewahren: Es gilt, das hochleben zu lassen, was die Menschen zeit ihres Lebens ausgemacht hat – ihre Freude an Orten, Hobbys oder kleinen Alltagssitten.

Was bleibt und was hilft

Biografiearbeit sorgt dafür, dass die Essenz eines Menschen nicht „wegbröselt“, sondern als lebendiger Teil der Familie weiterlebt. Wie kraftvoll das wirken kann, zeigt sich in den kleinen Momenten: Johanna Constantini erzählt, wie ihre eigenen Kinder heute noch die Sprüche ihres Opas zitieren. Wenn beim Essen jemand schmatzt, heißt es schmunzelnd: „Schmeckt’s, man hört’s“.

Solche Momente beweisen, dass die Geschichte eines Menschen bleibt, wenn wir sie weitertragen. Ihr Credo lautet: „Um Menschen mit Demenz eine echte Teilhabe am Leben zu ermöglichen, braucht es in unserer Gesellschaft neben dem Mut zum Hinschauen vor allem ein ehrliches Verständnis für Langsamkeit an jenen Stellen, an denen unser modernes, oft digitales Tempo Betroffene sonst auszuschließen droht.“

Mehr über mich, meine Leben und meinen Werdegang findet ihr hier!

Ich bin aber auch sehr neugierig. Was fasziniert euch am Schreiben? Habt ihr das biografische Schreiben schon ausprobiert? Was sind die süß-sauren Momente in eurem Leben? Und wer weiß ein gutes Rezept für Ribiselkuchen? 😉

Schreibe einen Kommentar